Cocktail Geschichten

DER MOJITO UND SEINE GESCHICHTE(N)

Mythen, Quellen und Hintergründe zur Entstehung des Mojito – von Seeräuberlegenden bis zu den ersten schriftlichen Rezepten.

Über den Mojito gibt es viel zu erzählen. Gleich zu Anfang muss gesagt werden: Rund um die Entstehung und Herkunft dieses Drinks gibt es viele Mythen und Vermutungen, aber wenig Verlässliches. Zum Einen liegt es daran, dass seine Ursprünge wahrscheinlich bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen und zum anderen, dass er nicht an einem Tag oder von einem Barkeeper erfunden wurde. Mit Sicherheit lässt sich feststellen: So wie er heute heißt und so wie er gemixt wird, ist der Mojito auf Kuba entstanden.

Eine der Geschichten, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man sich auf die Spuren des Mojitos macht, ist die des Piraten Sir Francis Drake (ca. 1540–1596).1 Ab 1570 unternahm er, mit Billigung von Königin Elisabeth I., eine Vielzahl an Kaperfahrten in die Karibik. Von den Spaniern, der damals rivalisierenden Seemacht, denen er das Leben schwer und die Börse leicht machte, wurde er „El Draque“ genannt. Er und seine Mannschaft sollen grassierende Krankheiten mit Hilfe eines Getränks aus Limetten, Minze, Zucker und Zuckerrohrschnaps bekämpft haben. Es bekam den Namen nach seinem vermeintlichen Erfinder: El Draque.

Minze als Heilmittel gegen Magenbeschwerden war bei der indigenen Bevölkerung, mit der Drake zum Teil kollaborierte, bekannt – und Zitrone als Mittel gegen Skorbut unter Seefahrern auch. Zucker machte die „Medizin“ wahrscheinlich genießbarer und Alkohol könnte zur Konservierung gedient haben. Auch kubanischen Farmern und Sklaven war die Mischung geläufig. Durch die ausgedehnten Zuckerrohrplantagen, die wild wachsende Minze und die Verbreitung von Rum waren in der folgenden Zeit alle Zutaten vorhanden.

Der Julep als fehlendes Puzzleteil

Um der Entstehung des Mojitos näher zu kommen, wollen wir ein weiteres Getränk erwähnen: den Julep.2 3 Abgeleitet vom persischen Gul-ab (Rosenwasser) taucht das Wort „Julep“ bereits in Koch- und Arzneibüchern des 16. Jahrhunderts auf. Handelte es sich zu dieser Zeit noch um eine Zutat, Arzneimittel schmackhafter zu machen, wird „Julep“ Anfang des 19. Jahrhunderts in Amerika als Bezeichnung für eine Mischung von Alkohol, Minze und Zucker verwendet. Ursprünglich wohl mit Rum getrunken, wurde der Julep schließlich mit Whiskey als Basis populär. Bis in die 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren Juleps mit verschiedenen Spirituosen, nicht nur in Amerika, eine beliebte und bekannte Drinkgruppe.

Prohibition & Kuba

Kuba erlebte während der Prohibition in den USA (1920–1933), wegen seiner geographischen Nähe und fehlenden Restriktionen für Alkohol und Glücksspiel, einen wahren Touristenboom. Vermuten lässt sich, dass Amerikaner, die in dieser Zeit auf Kuba feierten und tranken, nach Juleps verlangten. Rum als regionale Spirituose und die Beigabe von Sodawasser könnten so zur Entstehung eines neuen Getränks geführt haben: des Mojitos.

Erste Erwähnung & Name „Mojito“

Die erste schriftliche Erwähnung als „Mojito“ findet das Rezept auf Kuba im Jahr 1930.4 Der Club de Cantineros veröffentlicht ein Handbuch für die Bar und führt den Mojito unter „Verschiedenes“ auf. Wurde er im Cocktailbuch von Juan A. Lasa5 ein Jahr zuvor noch unter „Mojo de Ron“ aufgeführt (wahlweise auch als „Mojo de Ginebra“ mit Gin), hatte er nun wohl seinen endgültigen Namen gefunden.

Für die Entstehung des Namens gibt es viele Erklärungsversuche. Am häufigsten findet sich die Geschichte vom westafrikanischen Wort „mojo“, für einen Beutel mit magischen Gewürzen und Zaubergegenständen. Im englischen Wortschatz hat sich „Mojo“ als Synonym für Magie oder Zauber bis heute erhalten. Ein Mojito wäre also folglich, spanisch verniedlicht – ein kleiner Zauber. Auf Spanisch bedeutet Mojo allerdings auch Sauce oder Dressing (z. B. das auf Kuba bekannte „mojo criollo“). Man könnte also vielleicht von Sauce zu Mischung gekommen sein und den Mojito als kleine Rum-Mischung benannt haben. Der Name könnte aber auch vom spanischen Wort mojar – nass – stammen, auch gebräuchlich für „trinken auf“ bzw. „etwas begießen“.

Bars, Legenden & Hemingway

Etliche kubanische Hotels, Clubs und Bars wollen den Mojito erfunden haben. So auch die noch heute bestehende La Bodeguita del Medio.6 In dem inzwischen leider zur Touristenfalle gewordenen Lokal soll Ernest Hemingway Stammgast gewesen sein. Der angeblich von ihm stammende Ausspruch „My Mojito in La Bodeguita, my Daiquiri in El Floridita“, erweist sich bei Überprüfung als Fake und geschicktes Marketing.7 8 So wird die Echtheit seiner Unterschrift auf dem ausgestellten Schriftstück angezweifelt und der Ausspruch gilt als Erfindung der Tourismusbehörde.

1942 eröffnet, fällt die Bodeguita und ihr Gründer Angel Martínez als Geburtsstätte des Mojitos auf alle Fälle aus. Erasmo Brito Lima, seit 1954 Barkeeper auf Kuba und Mitglied im Club de Cantineros (heute: Asociación de Cantineros de Cuba), benennt als Erfinder des Mojitos einen unbekannten Kollegen, der 1910 in einer Bar am Playa de la Concha arbeitete.9 Von dort soll sich das Rezept dann weiter verbreitet haben.

Was bleibt verlässlich?

Was bleibt nach all diesen Geschichten zur Entstehung des Mojitos verlässlich und glaubhaft? So schön wie sich die Seeräuberlegenden lesen: Es lässt sich für keine der erzählten Versionen eine Quelle finden. Fernando G. Campoamor,10 ein kubanischer Journalist, Buchautor und Freund Hemingways, ist der erste, der von Drake und dem „Draquecito“ erzählt. In allen Quellen, die sich mit Drake und seinen Reisen beschäftigen, findet sich nur eine einzige Anmerkung, die entfernt zur Geschichte des Mojitos passt. Die Mannschaft soll während einer Reise entlang der Magellanstraße, aus Baumrinde mittels Infusion, eine Arznei gegen Skorbut hergestellt haben.11 Die Verwendung von Minze konnten wir nicht belegen.

1838 schreibt der kubanische Autor Rámon de Palma in seiner Geschichte „El Cólera en Habana“ über die wohltuende Wirkung eines Draquecitos.12 Damit belegt er immerhin die Existenz des vermeintlichen Mojito-Vorgängers.

Nachvollziehbar ist die Geschichte des Juleps Anfang des 19. Jahrhunderts, als alkoholische Mischung mit Minze. Als der Mojito ein Jahrhundert später namentlich auftaucht, ist der Julep bereits fester Bestandteil der Barkultur. Die schriftlichen Quellen, die 1915 einen Bacardi Rum Julep,13 1929 einen Mojo de Ron und schließlich 1930 den Mojito mit fast identischer Rezeptur aufführen, legen nahe, dass dieser Drink im Laufe der 20er Jahre seinen letzten Schliff bekommen hat. Seinen Ursprung wird er einer regionalen Drinkkultur verdanken, begünstigt durch die Verfügbarkeit der Zutaten. Seine endgültige Form hat er durch die stark frequentierte Gastronomie der 20er Jahre auf Kuba erhalten. Geschichten wie die der Bodeguita und ihrer berühmten Besucher haben dann endgültig den Kult dieses Drinks begründet.

Zubereitung: unsere Empfehlung

Wir wollen diesen Artikel nicht beenden, ohne noch ein paar Bemerkungen zur Zubereitung des Mojitos hinzuzufügen. In den letzten Jahren gab es eine rege Diskussion darüber, welchen Zucker man verwendet und ob man Limettenstücke oder Limettensaft einsetzen sollte. Würfel- oder Crushed-Eis wurde zu einer Art Glaubensfrage. Unserer Meinung nach muss der „Original“ Mojito nicht der Weisheit letzter Schluss sein, sondern eine Rezeptur, die mit den heutigen Möglichkeiten das beste Ergebnis liefert.

Wir empfehlen die Verwendung von Crushed Eis. Der Mojito wird „built in glass“ zubereitet, d. h. mit allen Zutaten im Gastglas verrührt. Dabei unterstützt Crushed Eis die Kühlung, und eine ungewollte Verwässerung braucht man bei einem Rezept mit Sodawasser nicht zu befürchten. Limettenstücke haben im Mojito nichts zu suchen und sind eher der Bekanntheit der Caipirinha zu verdanken. Weißer Rohrzucker, wie in der Karibik und Südamerika gebräuchlich, ist feinkörniger, besser löslich und deshalb unsere Wahl. Bei der Zubereitung verrühren wir alle Zutaten, bevor wir das Crushed Eis hinzufügen. Dadurch erhalten wir eine homogene Säure-Süße-Mischung, bevor wir sie kühlen. Auch das Minzaroma kann sich so besser entfalten.

Mojito (Rezept)

  • 5 cl Havana 3y
  • Saft einer halben Limette
  • 1–2 Barlöffel weißer Rohrzucker
  • 2–3 Stengel frische Minze
  • 10 cl Sodawasser
  • Crushed Eis

Weitere Quellen (allgemein)


Footnotes

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Drake

  2. https://mixology.eu/mint-julep-klassiker-minze/

  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Mint_Julep

  4. https://euvs-vintage-cocktail-books.cld.bz/1930-Club-de-Cantineros-de-la-Republica-de-Cuba-Manual-Oficial

  5. https://euvs-vintage-cocktail-books.cld.bz/1929-Libro-de-Cocktail-The-Cocktail-Book-by-Juan-A-Lasa/8/

  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Bodeguita_del_medio

  7. https://hemingwayswelt.de/la-bodeguita-schwindelt-ein-wenig-mit-ernest-hemingway/

  8. https://www.kubanews.de/la-bodeguita-del-medio-hemingway-musste-es-richten/

  9. https://acr-rum.com/de/the-rum-post/history-of-the-cuban-mojito-from-a-cuban-perspective-according-to-erasmo-brito-lima/

  10. https://es.wikipedia.org/wiki/Fernando_G._Campoamor

  11. https://en.wikipedia.org/wiki/Francis_Drake

  12. http://www.bpvillena.ohc.cu/2017/01/el-colera-en-la-habana-en-1833/

  13. https://euvs-vintage-cocktail-books.cld.bz/1915-Manual-del-Cantinero-by-John-Escalante/III